Hühneraugenblues..

Frau H. hält nicht viel vom Duschen. Monatelang kommt sie ohne aus. War ja im Krieg schließlich auch nicht anders. Haare waschen? Muss auch nicht sein. Sie begnügt sich mit zarter Katzenwäsche, macht sie natürlich noch selbst, man ist ja schließlich nur alt und noch nicht auf Hilfe angewiesen. Naja. Wenn sie aber zur Pediküre ins Erdgeschoß will, was erstaunlicherweise in regelmäßigen und kurzen Intervallen stattfindet, braucht sie dann doch Unterstützung. Dann besteht sie auf einen Rollstuhl, ihre elefantenartigen Füße streckt sie samt dicken gestreiften Wollsocken und weißen Pantoffeln vor dem Hilfsmittel her. Dabei ist aber strengstens darauf zu achten, dass die Füße genau mittig unter ihrem Rollmobil in der Luft wippen, das Rollmobil wird nämlich auch mitgenommen. Als Handtaschenablage. Sie schiebt es vor sich her, und wehe die Schrittgeschwindigkeit wird von Super-Schnecken-Tempo auf Schnecken-Tempo erhöht. Dann kreischt sie: „Nicht so schnell! Jetzt seien Sie doch vorsichtig! Da wird man ja schwindelig!“ Muss dann noch eine Kurve bewältigt werden und das Rollmobil und die Schwenkräder des Rollstuhls kommen sich in die Quere, was zu einer Art Minizusammenstoß der Fahrzeuge führt, kann schon mal Panik ausbrechen: „Ja sagen Sie mal, Sie schmeißen mich ja gleich um. Hilfe! So geht das nicht! Nein, nein, nicht so, na machen Sie das wieder in Ordnung. Holen Sie Hilfe, Sie müssen Hilfe holen!“ Dann bemüht man sich natürlich, sie möglichst rasch, aber sanft, wieder in Fahrt zu bringen. Klar, dann wird es ihr wieder zu schnell. Sie meckert und klagt, redet mehr zu sich selbst und ist sich mal wieder sicher, dass das Personal in diesem Haus unfähig ist.

Irgendwie und irgendwann schafft man es doch in das begehrte Zimmerchen mit den Fußwannen und Schab- Schneide- Zwick- Instrumenten, dann ist man froh, dass sie vor Aufregung nicht kollabiert ist und man selbst die Zuständigkeit abgeben kann. Ein bisschen Mitleid hat man noch kurz mit der Fußpflegerin, aber man weiß ja, vierzig Minuten später wird der Anruf kommen, dass sie wieder abzuholen sei. Für den Rückweg wäre es dann gut, wenn man einen Zivildiener oder eine Praktikantin zur Hand hätte, dann geht das ganze Gesudere nämlich wieder los, nur um die zusätzlichen Informationen bereichert, wie schmerzhaft alles war und wie das Hühnerauge aktuell aussieht und dass so eine Pediküre bei Gott kein Honiglecken ist. Zivildiener und Praktikantinnen müssen ja ohnehin aus dem liebevollen Kokon der Mutterüberfürsorge wachgerüttelt und mit dem echten Leben konfrontiert werden. Und wenn sie nicht zu ungestüm mit Frau H. durch die Gänge düsen, bekommen sie am Ende vielleicht sogar ein paar ausgetrocknete Kekse oder eine abgegriffene Tafel Nussschokolade aus der Nachttischlade.

Frau H. möchte dann noch gleich bei Bekanntgabe des nächsten Pediküre-Termins, der etwa vier Wochen später sein wird, wissen, wer sie mit dem Rollstuhl nach unten bringen wird. Man sichert ihr zu, dass das ganz bestimmt jemand tun wird, aber man heute noch nicht weiß, wer an diesem Tag im Dienst sein wird. Sie wird bis zu besagtem Termin ungefähr 92 Mal nachfragen. Und sie wird bis dahin vermutlich noch immer nicht geduscht haben.

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2 Gedanken zu “Hühneraugenblues..

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