Porno – Fredi..

Zigarettenrauch schlägt mir ins Gesicht, als er die Tür öffnet.

„Grüß Dich, ich bin der Fredi.“ Er streckt mir die Hand entgegen, noch bevor ich in der Wohnung stehe. „Sabine hat mir gestern schon gesagt, dass du heute kommst. Ich will ja immer wissen, wer am nächsten Tag kommt.“ Er ist kleiner als ich, die kurzen Haare stehen am Hinterkopf asymmetrisch ab, er trägt eine labbrige Jogginghose und ein verschlissenes T-Shirt. Dazu Lederschuhe mit verstaubtem Flechtmuster.

„Guten Morgen, ich bin Helene.“

„Wir können per Du sein, bin ich mit den anderen auch“, sagt er, während er die Tür hinter mir schließt. „Ich freue mich immer, wenn neue Damen kommen.“ Er zwinkert mir zu und geht zu nah an mir vorbei, streift mich dabei mit seinem Bauch, ich weiche zurück. Er riecht nach Schnaps.

In seinem Wohn-Schlafzimmer läuft viel zu laute Schlagermusik und der Zigarettenqualm brennt mir sofort in den Augen. Der kleine Raum gleicht dem Zimmer eines pubertierenden Burschen. In der linken Ecke steht das Bett, ein Einzelbett, aus weißen Brettern, die rechte Ecke ist mit einer Modelleisenbahn vollgestellt. Daneben ein schwarzes Regal mit einem Fernsehapparat darauf. Der Fernsehapparat, kein Flat, sondern noch ein altes Modell, ist derart wuchtig, dass er völlig deplatziert wirkt und das dominanteste Stück in diesem Zimmer ist.

„Wenn er einen Porno laufen hat, sag ihm gleich, er soll abdrehen, oder du gehst wieder“, höre ich noch eine Kollegin sagen. „Manchmal hat er Musik laufen und die Pornos ohne Ton nebenher. Ach ja, und mach besser nicht die Laden vom Nachtkastl auf!“, hat sie gekichert. Was ich da finden würde, hat sie mir absichtlich vorenthalten.

Der Fernsehapparat läuft zum Glück nicht. Neben der Musikanlage, auf der schwarzen Kommode, stapeln sich Kassetten mit handbeschrifteten Aufklebern und in den Fächern darunter lehnen Schallplatten dicht an dicht. Die Poster an der Wand sind vergilbt. Zwischen einer vollbusigen Blondine im Bikinihöschen und einer Asiatin in Schulmädchenuniform mit offener Bluse, hängt ein Foto mit ihm und Mitarbeiterinnen vom sozialen Dienst. Vor ihm steht ein Geschenkkorb, in der Mitte des Henkels ist aus goldenem Papier „70“ befestigt. Ein Viertel Rotwein steht vor ihm und er grinst in die Kamera.

„Das war bei meinem Geburtstag letztes Jahr. Da habens mich eingeladen“, sagt er, „und zum 75er gehen wir wieder, das habens mir versprochen. Dann gehst auch mit, gell?“. Ich bin perplex, weiß nicht was ich dazu sagen soll, in meinem Kopf formieren sich ein paar Worte zu einem Satz, eine höfliche Ablehnung, aber er beginnt plötzlich herumzuräumen, ohne eine Antwort von mir zu erwarten. Ich bleibe noch eine Weile vor der Wand stehen und beruhige mich beim Betrachten der kleinen, alten Polaroids. Offenbar Kollegen in der Arbeit, alle in der gleichen Montur.

„Willst einen Kaffee?“, fragt er mich und ich drehe mich um. Er hält zwei leere Bierflaschen und ein trübes Glas in den Händen und steht unschlüssig da. Der kleine Tisch ist fleckig und im Deckel einer Blechdose türmen sich Zigarettenstummel zu einem Berg.

„Danke nein“, antworte ich. „Was darf ich denn für sie, also für dich, tun?“

„Na komm schon, trinken wir einen Kaffee und rauchen wir eine.“

„Ich rauche nicht, danke. Und einen Kaffee hatte ich gerade. Vielleicht später.“ Mir ekelt. So abgeschmiert wie hier alles aussieht, kann ich ganz sicher weder trinken noch essen. Nicht mal hinsetzen will ich mich. Zwei Hocker stehen neben dem kleinen Tisch, beide mit einer Art Filz bezogen, beide übersäht von Flecken.

„Na gut, wie du willst. Also dann, kannst du bitte aufwaschen? Und in der Waschmaschine ist Wäsche zum Aufhängen. Und dann das Klo, das wäre auch mal wieder dran.“

Er stellt die Bierflaschen und das Glas wieder auf den Tisch zurück und dreht endlich die Musik leiser.

„Und wenn sich’s ausgeht, dann geh bitte zum Geschäft rüber. Ein paar Bier kaufen.“

„Ist gut. Darf ich zuerst ein bisschen lüften?“

Er bejaht, ich öffne das Fenster und während er mir den Wischmopp und den Kübel holt, fällt mein Blick in die Küche, die aus nicht viel mehr als einer Kochplatte und einem verdreckten Mikrowellenherd, die beide auf einer mit Winkeln an der Wand befestigten Pressspanplatte stehen, einem Kühlschrank und einer Spüle besteht. Alle Ritzen und Spalten sind wie mit dunkler Fugenmasse ausgefüllt. Beinahe wirkt er schon lebendig, dieser Dreck.

Er setzt sich auf einen der Hocker beim Tisch und raucht sich eine Zigarette an, erzählt mir, wie cool er Howard Carpendale und wie voll geil er Helene Fischer findet und dass es doch ein saugeiler Zufall ist, dass ich auch Helene heiße. Mir schnürt es die Kehle zu. Ich gehe nicht darauf ein und beginne zu putzen. Er redet weiter, und ich bin froh, dass ich nicht jedes einzelne Wort verstehe, weil er so undeutlich spricht und die Musik noch immer zu laut ist.

Ich wische mit dem Mopp um ihn herum und bin dankbar, dass es Einweghandschuhe gibt und ich in fünfzig Minuten hier wieder raus bin. Das Wasser im Kübel wird immer dunkler, und als ich beim Klo angekommen bin, frage ich mich, ob die Kolleginnen hier gewissenhaft putzen, oder lieber mit ihm rauchen. Ich wische so schnell ich kann und verwende Unmengen von Putzmittel, Umweltschutz muss ich auf später verschieben. Der Urinstein sitzt fest wie Zement.

Als ich gerade die letzten paar Socken im winzigen Badezimmer auf die Leinen über der Badewanne hänge, mischt sich Kaffeearoma zum Wäsche- und Putzmittelgeruch. Verdammt.

Als ich zurück in das Wohn-Schlafzimmer komme, stehen auf dem kleinen Tisch zwei gefüllte Tassen. Ich ignoriere das.

Mein Blick fällt auf das Nachtkastl, die unterste Lade ist ein Stück geöffnet. Seine Bettwäsche liegt zerwühlt in einer Art Knäuel auf dem Bett, das Leintuch hat ein Loch. „Soll ich noch das Bett machen?“

„Nein, brauchst nicht. Komm jetzt her, hast schon genug gearbeitet, plaudern wir ein bissl.“

Er klopft mit der Hand auf den Hocker neben sich, dieser kleine alte Mann im schäbigen Jugendzimmer. Jetzt erst sehe ich die Schachtel mit den Fotos, die auf dem Tisch zwischen den Kaffeetassen steht. Und mit einem scheuen Lächeln sagt er: „Schau, da habe ich als Kind gewohnt.“ Er legt das Foto auf den Tisch und holt noch ein Bild aus dem Karton. „Und der da, schau, der war mein bester Freund. “ Er tippt mit dem Zeigefinger auf einen 70er-Jahre-Typ. Lange Haare, Glockenhose, Hemd mit Spitzkrägen bis fast an die Brustwarzen. Eine Weile betrachtet er das Bild, dann schüttelt er den Kopf und sagt: „Der schaut sich die Radieschen schon lang von unten an, der Willi. Den hat´s erwischt, damals beim Motl, bei der Stecherei.“

Er legt ein Foto nach dem anderen auf die Tischplatte.

Das Bild eines struppigen Hundes.

Eine Gruppe Kinder, die mit Angeln an einem Teich sitzen.

Ein altes Ehepaar ganz in schwarz gekleidet, beide wie erstarrt nebeneinander sitzend.

Eine hübsche junge Frau mit einem Kind auf dem Schoß.

Dann hält er mir ein Bild direkt unter die Nase. Seine Hand zittert leicht.

„Und das, das war die erste Eisenbahn, die ich bekommen habe. Grün und die schönste, die ich je gesehen hab. Jeden Tag bin ich vor der Auslage beim Zimmermann in der Bachlergasse gstanden und hab sie mir angschaut und gehofft, dass ich sie irgendwann krieg.“ Er schiebt das Foto neben meine Tasse.

Ich betrachte das Bild. Ein blonder Bub mit einer Lok in der Hand lacht mich zahnlückig an. Dann schaue ich ihn an. Seine Iris ist von diesem stumpfen Grauton überzogen, wie ihn viele alte Menschen haben. Das Glück der Erinnerung strahlt in diesem Moment trotzdem hindurch.

Ich setze mich auf den Hocker mit dem roten Filz und schaue auf die Modelleisenbahnlandschaft im Eck. Dort steht sie, ganz prominent im Bahnhof, die grüne Lok, und daneben am Bahnsteig eine Zinnfigurenfamilie mit blondem Kind.

Der Kaffee riecht verlockend.

.

.

.

.

.

.

.

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Porno – Fredi..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s