Spuckstrudl..

Ich nehme den Seiteneingang durch den Garten, wie ich es mir notiert habe. Bei Schönwetter wäre er immer irgendwo zwischen Blumenbeeten und Bäumen zu finden.

Glocke gibt es keine, an dem dunkelgrünen Holztor, aber einen kleinen Riegel an der Innenseite, den ich ertasten muss. Die Morgensonne wärmt mir den Rücken und über meinem Kopf surrt es. Kirschen, die meisten knallrot. Manche schon fast schwarz, überreif, das sind die an denen sich die Wespen zu schaffen machen.

Als ich das Tor öffne und eintrete bin ich für ein paar Sekunden gebannt von der wilden Schönheit dieses Gartens. Ich fühle mich in meine Kindheit versetzt, in Großvaters Reich. Nach links breitet sich sattes Grün, durchwachsen von Blütenstauden und Obstbäumen, aus. Apfel erkenne ich und Marille, vielleicht eine Birne. Alles von dem undurchsichtigen Holzzaun eingerahmt. Rechts von mir, schon in der Nähe des Hauses, wächst ein riesiger Rosenstock mit weißen Blüten. Zwischen ihm und einer Korkenzieherhasel windet sich ein steinerner Weg zum Hintereingang.

„Herr Korbuli?“, rufe ich und gehe langsam auf die geöffnete Tür zu. „Herr Korbuli?“ Ich klopfe.

„Ja!“, ruft er von drinnen. „Kommens rein. Nur hereinspaziert, ich bin in der Küche!“

Freundlichkeit empfängt mich hier.

Er sitzt an der Stirnseite des Tischs, eine großformatige Tageszeitung vor sich ausgebreitet und eine rote Lesebrille auf der Nase. Eine schwarz-weiße Katze liegt eingerollt neben ihm auf der Bank. Sie hebt den Kopf, um zu sehen, wer hier die Ruhe stört.

„Guten Morgen, ich bin Helene vom sozialen Dienst“, seine Hand ist warm und trocken, „wir kennen uns noch nicht. Ich betreue Sie heute.“

„Guten Morgen.“ Er schiebt sich die Lesebrille auf die Stirn. „Korbuli, angenehm“, sagt er mit einer angedeuteten Verbeugung. Die Katze miaut knapp und schaut ihn an. Er streichelt über ihren Rücken, woraufhin sie ihren Kopf wieder zufrieden auf den Pfoten ablegt.

„Wie geht es Ihnen heute, Herr Korbuli?“

„Gut geht’s mir, danke. Setzen Sie sich doch. Dort liegen Ihre Aufzeichnungen“, sagt er und zeigt auf die Dokumentationsmappe, die auch auf dem Tisch liegt. Ich blättere durch und sehe nach, was die Kollegin gestern eingetragen hat. „Alles OK“ steht in der Abschlusszeile.

„Herr Korbuli, möchten Sie heute duschen oder baden?“, frage ich.

Seine Kopfhaut ist so glatt und glänzend, als hätte er sie mit Öl eingerieben. „Nein, ich hab mich heute schon gewaschen. Und ich muss dann noch im Garten arbeiten, dann schwitze ich ja eh wieder.“

Das habe ich erwartet. Die Kollegin sagte schon, dass er, wenn ich zum ersten Mal komme, nicht duschen wird. Sich nicht ausziehen wird wollen vor mir.

„Ist gut. Kann ich sonst irgendwas für Sie tun?“

„Ja, bitte gehens ins Geschäft rüber und bringens mir einen Becher Topfen. Den fetten. Ich mache mir heute einen Liptauer. Und ein halbes Kilo Mischbrot. Kennens das Geschäft? Gleich drüben am Eck.“

„Kenne ich, ja“, versichere ich ihm.

Er schiebt mir ein paar Euro herüber, steht auf und geht vor mir nach draußen. Neben dem Rosenstock bleibt er stehen, dreht sich zu mir um und sagt: „Ach, und nehmens mir doch bitte noch eine kleine Tafel Milchschoklad mit.“

Sein Körper wirkt drahtig und kraftvoll, die gebräunte Haut und der fröhliche Ausdruck in seinem Gesicht lassen ihn um einiges jünger erscheinen, als er ist. Warum er überhaupt Unterstützung braucht, ist mir nicht klar.

Das Geschäft ist winzig klein, aber jeder Quadratzentimeter ist genützt. Der türkische Bursche hinter der Kasse hat einen Kugelschreiber von Greenpeace über seinem linken Ohr stecken und rundet den Betrag großzügig auf ganze Euro ab.

Als ich in den Garten zurückkomme, stellt Herr Korbuli gerade eine Holzleiter unter den Kirschenbaum.

„Kommens und brockens sich ein paar Kirschen.“ Sein Lächeln ist voller Lebensfreude und wieder denke ich an meinen Großvater.

„Ja, danke, sehr gerne“, sage ich, obwohl ich Kirschen wegen der Wurmgefahr gar nicht so gerne mag. Nicht, dass sie mir nicht schmecken würden, aber als Kind biss ich in eine Kirsche die perfekt aussah, aber komisch schmeckte. Voller Grausen, weil ich schon ahnte was los war, spuckte ich die zerkaute Frucht auf meine Handfläche. Der Wurm wand sich in Todesangst in dem Gemisch aus Fruchtfleisch, Kirschensaft und meinem Speichel.

„Und das?“, frage ich und schwenke das Sackerl mit dem Einkauf.

„Legens den Topfen bitte in den Kühlschrank und das Brot und die Schoklad auf die Anrichte. Das Sackerl bringens wieder mit raus, da könnens die Kirschen gleich reintun.“

Die Katze schaut verschlafen auf, als ich in die Küche komme, steht auf, macht einen Buckel, gähnt ausgiebig und legt sich in die andere Richtung gedreht wieder hin. Den Kopf in den schmalen Sonnenstreifen gelegt, der durch das alte Doppelfenster fällt. Feine Staubflankerl tanzen in diesem lichten Streifen und sinken auf ihr Fell. Alles wirkt friedlich in diesem Heim und ich würde gerne länger als die vereinbarten fünfzig Minuten bleiben.

Als ich wieder auf dem steinernen Weg bin, kommt Herr Korbuli gerade mit einem kleinen Weidenkorb aus dem Schuppen.

„Geh, sinds so lieb und brockens mir da auch ein paar rein. Die ess ich dann als Betthupferl.“ Er stellt mir den Korb in die unterste Astgabel.

„Gerne“, sage ich und steige auf die Leiter. Schon auf der dritten Sprosse macht sich meine Höhenangst bemerkbar, aber eine steige ich noch höher, da habe ich einen vollen Ast in Reichweite. Während ich mir das Sackerl anfülle, schaut er zu mir rauf.

„Wissen Sie, seit meine Frau nicht mehr lebt, habe ich viel zu viel Obst. Was soll ich nur damit machen? Es gibt niemanden mehr, der Marmelade einkocht oder Saft daraus macht. Die Kinder und Enkelkinder kaufen lieber alles fertig im Geschäft, haben keine Zeit, sich auf die Leiter zu stellen und danach in die Küche.“

Ich denke an meine Kinder. Wie viel Zeit würden sie sich nehmen? Und ich selbst? Ich koche ja auch nichts ein. Bei meiner Großmutter gab es immer Apfelkompott, Zwetschkenröster und Hollerkoch auf Vorrat in der Speis. Und unzählige Gläser selbstgemachter Marmeladen. „Wir legen den Sommer schlafen“, hat sie immer gesagt, „und an finsteren Wintertagen wecken wir ihn wieder auf“, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Ich habe höchstens ein Glas Apfelmus aus dem Supermarkt in meinem Vorratsschrank.

„Wissens, was ich so gern noch einmal hätt?“, reißt er mich aus meinen Gedanken, „den Kirschenstrudl von meiner Grete. Der war einzigartig! So einer mit den Kirschen samt Kernen drin. Spuckstrudl haben wir immer dazu gsagt. “ Er schaut durch mich hindurch, als ob er auf der anderen Seite von mir seine Grete sehen könnte. „Was tät ich drum geben, wenn ich den noch einmal essen könnt.“ Seine Augen glitzern.

„Kann den nicht jemand aus der Familie für Sie machen?“

„Ach, die sind doch alle so beschäftigt, da will ich sie nicht mit sowas belasten“, sagt er, bückt sich und nestelt an seinem Schuhband herum, das tadellos gebunden ist. Vielleicht kommen ihm gerade Tränen und es ist ihm unangenehm, überlege ich, ich werde besser nicht länger in diesem Thema herumstochern. Als er das Schuhband neu verknotet hat, geht er in die Gartenhütte und ich höre ihn darin rumoren, als würde er schwere Werkzeuge sortieren.

Ich steige von der Leiter, stelle sie ein Stück weiter, zum nächsten vollen Ast, und klettere wieder hinauf.

Vielleicht ist es seine Einsamkeit weshalb ich hier bin, denke ich, und ob er wohl noch die Kochbücher seiner Frau hat?

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3 Gedanken zu “Spuckstrudl..

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