28 Zentimeter..

Die Klinge ist mindestens 28 Zentimeter lang. Ich werfe schnell noch einen zweiten Blick darauf. Irgendetwas klebt daran. Eingetrocknet. Rötlich. Reste von der Pastete, die auf dem Teller daneben liegt?

Sie redet ununterbrochen.

„Wissen Sie, wissen Sie, ich brauche ja eigentlich gar nichts. Nein, schauen Sie, mein Tiefkühler ist voll und der Kühlschrank auch. Aber naja, vielleicht fahren wir doch. Und, und in die Apotheke muss ich unbedingt, ich brauche Nikotin. Ich, ich kann nicht aufhören mit diesen Kaugummis. Bananen und Milch, ja, Milch brauche ich sicher.“

Der Hund schnuppert an meinem Knie. Ich vertraue Hunden nicht. Aber vielleicht sollte ich ihn streicheln. Nicht, dass sie denkt ich mag ihn nicht. Ich werfe wieder einen Blick auf das Messer.

Sie steht auf und zappelt in winzigen Schritten durch die Küche. Dabei höre ich, wie Brösel unter ihren Fußsohlen reiben und es hin und wieder knackt. Würde ich eigentlich eine Kakerlake erkennen? Sie nimmt ein gebrauchtes Glas aus der Spüle und füllt es mit Wasser aus der Leitung. Dann durchquert sie die Küche wieder im Zappelschritt, auf halbem Weg stockt sie plötzlich.

„Luise!“, ermahnt sie sich selbst, „Luise, große Schritte machen, große.“ Wie eingefroren steht sie da und versucht den rechten Fuß vor den linken zu bekommen. Nachdem sie sich nochmals selbst Anweisung gibt einen großen Schritt zu tun, gelingt ihr dies schließlich. Wasser schwappt auf den Fußboden, sodass sich eine kleine Lacke bildet und Brösel und Hundehaare darin aufschwimmen. Mit einem Seufzen setzt sie sich wieder mir gegenüber hin. Wie alt kann sie sein? Fünfzig? Fünfundfünfzig?

„Und ich brauche Eis. Vanilleeis. Das ist überhaupt das Wichtigste. Das habe ich schon als Kind am liebsten gegessen, zusammen mit meinem Vater, bevor er sich umgebracht hat.“

Umgebracht? Hat sie ‚umgebracht‘ gesagt?

Oh, tut mir sehr leid“, sage ich verlegen, weil ich nicht recht weiß, was ich sonst sagen soll, aber sie ignoriert es, nimmt sich einen Nikotin-Kaugummi aus der Packung, steckt ihn in den Mund und kaut eine Weile kräftig, und völlig in diese Tätigkeit versunken, darauf herum. Ich erinnere mich wie grässlich sie schmecken, wenn man versucht, das Suchtmittel durch übermäßig starkes Kauen schnell in sich aufzunehmen. Ein grauenhaft scharfer Geschmack überzieht einem dann Zunge und Mundhöhle.

Die flachsblonden Haare stehen von ihrem Kopf ab, als wäre sie seit einer Woche nicht aus dem Bett gekommen. Das T-Shirt hat ein Loch unter der rechten Brust und ihre Unterhose ist verwaschen tintenblau und zu groß. Sie steht wieder auf, um vom Schrank über dem Kühlschrank ein verknittertes, aufgerissenes Kuvert zu nehmen. Der ausgeleierte Gummi ihrer Unterhose hält die Inkontinenzbinde nur unzulänglich an dem dafür vorgesehenen Platz. Sie war bestimmt mal sehr hübsch.

„Hier, nehmen sie das und schreiben sie die Einkaufsliste drauf.“ Sie reicht mir das Kuvert. Es ist leer. Der Absender eine Anwaltskanzlei.

Es riecht säuerlich hier drin und ich kann nicht einordnen ob dieser Geruch von ihr ausgeht, von dem Chaos auf dem Tisch, oder den offenen Müllsäcken, die neben der Küchentür wie hingeworfen aussehen.

„Es ist heute unerträglich heiß, ja viel zu heiß. Ich mag solche Tage nicht. Da geht es mir immer schlecht. Mit dem Gehen, wissen Sie, und nervös macht mich diese Hitze auch, ja nervös.“ Sie greift unter ihr T-Shirt und kratzt sich zwischen den Brüsten.

„Frau Luise, möchten Sie überhaupt mitfahren zum Einkaufen“, frage ich sie und hoffe gleichzeitig inständig, sie verneint.

„Ich kann heute nicht gut gehen, heute ist es ganz schlecht mit mir und dem Gehen. Und, und außerdem ist es ja zu heiß. Ich muss mehr trainieren, wissen Sie, dann geht es bald wieder, ja, trainieren, dann wird es wieder. Aber heute ist es einfach zu heiß. Morgen vielleicht wieder trainieren. Ich gebe nicht auf, nein, diese verfickte Krankheit kriegt mich nicht. Aber nein, heute ist es zu heiß.“

„Dann kann ich auch alleine fahren“, sage ich rasch. „Was soll ich besorgen?“

Sie fährt sich mit der rechten Hand durch die filzigen Haare und tätschelt dann den Hund, der unter dem Tisch liegt und jetzt mit dem Schwanz zu wedeln beginnt. „Ja, ich weiß, du willst spazieren gehen, aber ich schaffe das heute nicht, heute nicht, mein Lieber.“ Dann an mich gewandt: „Lassen Sie ihn doch bitte in den Garten, wenn Sie gehen. Ja, und ja, nehmen Sie vielleicht den Müll mit raus.“

Jetzt wandert ihre linke Hand wieder hinauf, auf den Tisch. Sie greift nach dem Messer. Und schneidet ein Stück Pastete ab. Gibt es dem Hund. Pastete samt Schimmel.

Ich nehme meinen Kugelschreiber aus der Tasche und lege ihn neben das Kuvert. Ich will hier raus, den Einkauf besorgen und dann schnell verschwinden.

„Frau Luise, was soll ich denn einkaufen?“ Der Hund bettelt um ein weiteres Stück Schimmelpastete. Sie krault ihn am Ohr.

„Frau Luise?“

„Schauen Sie doch mal in den Tiefkühler, ob noch Semmeln drin sind. Wenn nicht, wenn nicht, dann nehmen Sie zehn Semmeln, und das Eis, oder nein nur sieben Semmeln, kennen Sie eigentlich den Film ‚Sieben‘?“, unterbricht sie sich selbst. „Ja, sieben Semmeln, damit komme ich aus, eine Woche, bis Sie wiederkommen. Und Milch und Joghurt, aber nur Erdbeerjoghurt. Schauen Sie in den Kühlschrank, wie viel noch da ist.“

Ich soll jetzt also aufstehen. Ihr den Rücken zudrehen.

Der Kühlschrank ist voll mit Erdbeerjoghurt, Milch, diversen Kuchen in aufgerissenem Cellophan und Schokolade. Als ich den Tiefkühler aufmache, fällt mir ein riesiger Sack mit Semmeln entgegen. Fertigpizza und Lasagne für eine Großfamilie sind neben Gurken und grünem Paprika und noch mehr Semmeln in diesen kalten Kubus gezwängt. Das Eis an den Wänden ist an manchen Stellen gut fünf Zentimeter dick und scheint schon in die Lebensmittel hineinzuwachsen.

„Ich fürchte, da passt kein Vanilleeis mehr rein“, sage ich.

„Aber es muss sein, verstehen Sie das denn nicht?“ Ihre Stimme ist lauter als zuvor. „Vanilleeis brauche ich unbedingt! Es ist doch wegen Vater!“ Sie schreit schon fast. „Bringen sie mir Vanilleeis!“ Ihre Faust schlägt auf den Tisch, der Schreck fährt mir in die Knochen und alle Organe, die Klinge des Messers scheppert auf dem Tellerrand, der Hund winselt. „Ich MUSS Vanilleeis dahaben, falls er kommt!“, kreischt sie.

Was? Falls ihr Vater kommt? Scheiße, die haben doch recht, wenn sie sagen, sie ist nicht ganz dicht, denke ich, und ob sie mir meine Angst jetzt wohl ansieht.

Ich stopfe die Semmeln schnell wieder in den Tiefkühler und hoffe, dass das Messer noch auf dem Tisch liegt.

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