Duschtag..

Die Fahrtzeiten sind kurz zu halten. Das wird einem schon am ersten Tag klar gemacht. Kann ich diesmal nicht erfüllen. Obwohl Herr Lehmann nur wenige Straßen weiter wohnt, verfahre ich mich in dem Einbahnsystem und brauche schließlich das Navi um hinzufinden.

Sieht wenig einladend aus. Die Thujenhecke wuchert offenbar schon seit Jahren über den Zaun, das Haus ist kaum zu sehen, in der Einfahrt vor einem verrosteten Garagentor steht ein Auto ohne Kennzeichen. Von einer dicken Schicht Dreck überzogen. Es gibt keinen Schlüsselsafe, seine Türen sind angeblich niemals versperrt. Die Waschbetonplatte auf der obersten Stufe wackelt. Auf mein Klopfen kommt keine Antwort.

„Herr Lehmann?“ Irgendwo surrt ein Kühlschrank. Der lange Gang ist düster.

„Herr Lehmann?“

„Er hat sehr dünne und trockene Haut, nach dem Duschen musst du ihn unbedingt eincremen. Aber aufpassen“, erklärte mir die Kollegin vorhin beim Telefonat, „nicht zu fest schmieren, sonst reißt seine Haut und hört nicht mehr auf zu bluten. Weißt eh, Thrombo Ass. Dann musst du die Diplomierte rufen.“

Im Wohnzimmer steht ein wuchtiger runder Tisch mit Häkeldeckchen in unterschiedlichen Größen unter transparentem Plastik. Eine Sitzbank umschließt den Tisch zur Hälfte und ein schwerer Sessel steht an der Seite zum Fenster hin. Eine Gabel und ein Löffel liegen dort. Offensichtlich sein Essplatz.

„Herr Lehmann?“, mein Herz beginnt zu rasen. Wenn der irgendwo liegt!, schießt es mir durch den Kopf. Bitte nicht!

Ich finde ihn weder im Badezimmer, noch im aufgeräumten Schlafzimmer oder der Toilette. Der Kühlschrank surrt. Auch in der Küche liegt er nicht.

Erst als ich zum zweiten Mal das Wohnzimmer betrete, bemerke ich, dass hinter der Tür zwei Fauteuils und ein kleiner quadratischer Tisch stehen. Beinahe hätte ich aufgeschrien. Im Bruchteil einer Sekunde wird mir eiskalt.

Er sitzt regungslos unter dem opulenten gelben Schirm einer Leselampe, die nicht aufgedreht ist. Hager, die kinnlangen Haare glatt frisiert, das Hemd knitterfrei, sagt kein Wort. „Herr Lehmann“, bekomme ich irgendwie über meine Lippen, „da sind sie ja, ich habe sie schon im ganzen Haus gesucht.“ Er nickt und schaut mich stumm an. Ich stelle mich vor. Seine Hand bekomme ich zum Gruß, Worte jedoch noch immer keine. Aber er beginnt unverständlich zu murmeln. Dabei schaut er immer wieder abwechselnd auf seine goldene Armbanduhr und die Tageszeitung auf seinen Knien.

„Herr Lehmann“, versuche ich mich wieder in seinen Fokus zu drängen, „ich bin hier, um ihnen beim Duschen behilflich zu sein.“ Er hebt den Kopf, schaut mich an und sagt: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, eins, zwei drei, vier, na gut, wenn sie meinen“, und steht schwankend auf.

Sturzgefährdet, steht in meinen Unterlagen. Ich biete ihm meinen Arm zum Einhaken an, aber er schaut mich nur an, schüttelt den Kopf und geht mit kleinen schlurfenden Schritten weiter. Ich gehe hinter ihm her, halte meine Arme auf Brusthöhe geöffnet, als ob ich einen dicken unsichtbaren Polster umarmen würde und hoffe, dass er, wenn er fällt, es in meine Richtung tut. Gleichzeitig weiß ich, dass ich ihn nicht werde halten können. Seine Hausschuhe sind alte ausgelatschte Lederschlappen, in denen er keinen Halt hat. Beinahe das gesamte Haus scheint mit dickem Teppich ausgelegt zu sein und jeder seiner Schritte wirkt so schwerfällig, als würde er an dem alten Textil kleben bleiben. Nun kommt auch noch ein Läufer auf uns zu. Klassische Stolperfalle, eine Ecke ist auch noch zurückgeschlagen und in der Mitte wölbt sich eine dicke Falte nach oben. Wahrscheinlich vom letzten Mal drüberschlurfen. Sollte eigentlich sofort weggeräumt werden. Aber es ist sein zu Hause, ich bin hier nur Gast.

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, eins, zwei, drei, vier, eins, zwei..“ Er zählt unaufhörlich weiter.

Das Badezimmer grenzt direkt an das Schlafzimmer. Dort stellt er sich vors Bett und wartet darauf, dass ich ihn ausziehe. Dann geht dieser runzelige alte Mann nackt vor mir ins Badezimmer. Diesmal Fliesenboden. Es gibt eine Dusche und eine Badewanne. Und was jetzt? Niemand hat mir gesagt, ob er in der Dusche oder der Badewanne gewaschen wird. Sturzgefährdet, fällt mir wieder ein. Über der Badewanne liegt ein, offenbar neues, Sitzbrett. Innerlich entscheide ich mich schon dafür, weil mir das sicherer erscheint, frage ihn aber trotzdem: „Herr Lehmann, möchten sie in die Dusche oder in die Badewanne?“

„..drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun..“. Aha.

Erst als er versucht ein Bein über den Rand zu heben, fällt mir auf, wie hoch diese Wanne eigentlich ist. Mir ist heiß. Irgendwie schafft er es hinein, nimmt auf dem Brett Platz und das Zählen verwandelt sich wieder in das unverständliche Murmeln von vorhin. Ich drehe das Wasser auf, es fließt aus dem Hahn und ich warte darauf, dass es warm wird. Die Armaturen scheinen aus den 60er-Jahren zu sein. Die Fliesen auch. Aber alles ist sauber und beinahe pedantisch ordentlich. Es hängen frische Handtücher an den Haken, zwei Waschlappen liegen auf dem blitzsauberen Waschbeckenrand,  und auf dem Fensterbrett stehen Duschgel, Haarshampoo, Körperlotion, Rasierschaum und Rasierwasser parallel nebeneinander. Anscheinend kümmert sich hier irgendwer um das Innere des Hauses und dessen Bewohner. Ein arger Kontrast zum Vorgarten.

„Möchten sie, dass ich ihnen die Haare wasche?“, frage ich ihn, während ich weiterhin darauf warte, dass das Wasser warm wird. Er schüttelt den Kopf. Und murmelt. Dabei schaut er auf das aus dem Hahn fließende Wasser und meine Hand darin. Es wird nicht wärmer. Obwohl ich weiß, dass das nicht sein kann, lege ich, in der Hoffnung es nützt doch etwas, den Hebel für die Brause um. Daraufhin spritzt das kalte Wasser in alle möglichen Richtungen aus dem Brausekopf. Mir auf die Hose und auf die Haare und Herrn Lehmann direkt auf seine nackte Haut. Er schreit kurz auf und macht eine Bewegung, als ob er aufspringen wollte. Ich lege den Hebel schnell wieder um und merke wie Panik in mir hochsteigt. Warum hat mir das niemand gesagt?, denke ich und werfe einen Blick zur Duschkabine hinüber. Ausgeschlossen, das schafft er nicht. Oder ich nicht. Dann eben Katzenwäsche.

Aus dem Hahn am Waschbecken fließt problemlos warmes Wasser. Ich lasse es volllaufen und wasche Herrn Lehmann mit dem Waschlappen von oben bis unten. Er murmelt weiterhin unverständliches Zeug und ich bin überzeugt, dass er mich gerade für besonders unfähig hält.

Irgendwann sind wir wieder im Schlafzimmer. Ich trockne ihn von Kopf bis Fuß ab, dann creme ich ihn ein. An seinen Schienbeinen ist die Haut besonders dünn, durchscheinend wie weißes Seidenpapier oder dieses Abpauspapier, das ich als Kind so gerne hatte. Ich streiche so sanft über seine Haut, wie es mir möglich ist und helfe ihm dann in die vorbereitete Kleidung. Für die Hemdsärmel braucht er Manschettenknöpfe, auch die liegen ordentlich in einer kleinen Schachtel auf dem Bett. Zum feinen Hemd zieht er eine Adidas-Trainingshose an, das Unterhemd will er in die Unterhose gesteckt. Zuletzt streift er sich seine goldenen Uhr wieder über das Handgelenk.

Ich begleite ihn zum Fauteuil ins Wohnzimmer zurück, er murmelt unablässig. Als er  seine Zeitung wieder auf den Knien liegen hat, gehe ich zurück ins Badezimmer um Ordnung zu machen. Langsam beruhigt sich mein Puls.

Als ich schließlich an seinem wuchtigen Esstisch mit der Plastiktischdecke sitze und meinen Besuch dokumentiere, hört er zu murmeln auf und seine Worte werden verständlicher. Ich halte in meiner Schreibarbeit inne und versuche zu verstehen, was er von sich gibt. Obwohl ich mit dem Rücken zu ihm sitze, spüre ich sehr deutlich, dass er mich ansieht. Und plötzlich verstehe ich jedes Wort.

„Von an Weib,

von an Weib muss ich mich waschn lassen,

von an Weib in Männerhosen,

schiache Zehen,

vü zu klane Titten,

von an Weib gwaschen werdn,

tät mi am liabsten hamdran selber,

Pulver sammeln,

10. Juli,

nur zwa Zeitungen,

von an Weib gwaschen werdn,

abtrocknet werdn,

Armbanduhr,

in an andern Hemd,

von an Weib in Männerhosen,

die klanan Busen,

ihre Notizen in an Biachl mochts,

Kuli in da Hand,

1923,

bin 94 Jahr alt,

von an Weib,

na,

da sitzts,

schleichn soll sa sie,

was arbeitn gehen,

Zeitung lesn..

.

.

.

.

.

.

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