spröde..

Das Holz ist spröde, man sieht ihm an, dass die Sonne an der Südseite gnadenlos sein kann. Spröde, denke ich, das soll sie auch sein.

Der Schlüssel kratzt als ich ihn ins Schloss stecke. Am liebsten wäre ich schon wieder auf dem Weg hinaus. Kellergeruch, der sich im schweren Filzvorhang unmittelbar hinter der Tür eingenistet hat, schlägt mir ins Gesicht. Am Absatz der steilen Kellertreppe steht der Korb mit den Dosensuppen. Ausschließlich Grießnockerl. Angeblich ernährt sie sich fast nur davon. Die Ausnahme bildet das Frühstück. Da isst sie eine altbackene Semmel zu einem Kamillentee. Ich klopfe laut an die wieder geschlossene Eingangstür und rufe ein „Guten Morgen“. Meine Stimme klingt beschlagen, obwohl ich einen fröhlichen Ton versuche.

„Ja? Wer ist denn da?“, höre ich sie aus dem angrenzenden Zimmer. Im Fernsehen läuft das Wetterpanorama ohne Ton. Ich atme tief durch und betrete das Zimmer. Und bin überrascht. Klein und faltig sitzt sie so tief in die Couch gesunken, als ob sie diesen Platz nie mehr aus eigener Kraft verlassen könnte. Und sie soll mehrmals mit dem Gehstock auf eine Betreuerin eingeschlagen haben?

„Guten Morgen“, sage ich „ich bin Helene vom mobilen Dienst“, und gebe ihr die Hand.
„Und was wollen sie von mir?“ Sie zieht ihre Hand sofort zurück und den Saum ihres rosafarbenen Morgenmantels über die Knie. Ihre Augen funkeln plötzlich und ich kann das nicht einordnen. Wo liegt eigentlich der Stock?
Ich gehe vor ihr in die Hocke, lege meine Hand auf ihre rechte und sage langsam: „Ich möchte nur nachsehen, ob es ihnen gut geht. Und Frühstück für sie machen.“ Dass sie heute auch Duschen im Plan hat, behalte ich vorerst für mich.

„Ah, ach so.“ Ihre Stimme ist weicher als zuvor. „Und wer schickt sie?“
„Ihr Sohn“, sage ich. „Wie geht es ihnen heute? Haben sie gut geschlafen?“
„Na, wie soll es einem schon gehen mit 90, 91. Sagen sie, wie alt bin ich eigentlich? Wissen sie das?“

Die Dokumentationsmappe liegt auf dem 70er-Jahre-Couchtisch neben einer Kristallschüssel mit verschiedenen Brillen darin. „Das weiß ich leider nicht, aber ich kann nachsehen, wenn sie wollen.“
Während ich in der Mappe das Stammdatenblatt suche dreht sie das Wetterpanorama laut auf. Ihr Hörgerät pfeift, aber sie zeigt keine Reaktion darauf. Stattdessen fixiert sie mich. „Sie werden in zwei Monaten 94 Jahre“, sage ich. Sie reagiert nicht auf das Gesagte, starrt mich nur weiterhin an.

„Ich weiß genau, was sie da machen“, zischt sie nach einer Weile „das ist das Tratschbuch. Da schreiben sie alles hinein, was ich Schlechtes mache.“ Sie lacht schrill. „Aber mein Sohn, der kontrolliert das ganz genau, das sage ich ihnen. Und der rechnet alles nach.“ Ihre Lider verengen sich. Der Stock ist links neben ihr in der Polsterritze der Couch fixiert. Ich will ihr gerade noch einmal erklären, dass sie 94 wird, da fährt sie mich an: „Wo bleibt jetzt das Frühstück?“ Das Hörgerät pfeift wieder. Hat keinen Sinn noch einmal darauf zu sprechen zu kommen. „Mache ich ihnen sofort.“

Ich nehme meinen Buchkalender und gehe in die Küche. Eine Kollegin hat mir vor Dienstbeginn noch ein paar Eckdaten zur Betreuung von Frau Aigner gegeben. Ich schlage meine Notizen auf. Die Seite von Frau Aigner beginnt mit: Frühstück – Kamillentee, oberer Schrank rechts, Häferl links oben, Mikrowellenherd im versteckten Stromverteiler hinter der Tür anstecken. Semmeln im Plastiksackerl in der Kredenz. Müll kontrollieren. Geschirr abwaschen. Bett machen, bei Bedarf frische Wäsche. Duschen.

„Was macht die denn so lange“, höre ich aus dem Wohnzimmer. „Die wird wieder in alle Kasteln reinschauen. Und dann nimmt sie wieder was mit.“ Hat sie das jetzt tatsächlich gesagt? Leise gehe ich in Richtung Wohnzimmer und lausche.
„Wer ist die denn? Was macht die da? Und was die für Haare hat. Grauslich.“

Ich sehe einen ihrer elefantenartigen Füße der in einer hellblauen Socke steckt. Sie sitzt also noch auf der Couch. Die Mikrowelle bimmelt und ich gehe zurück in die Küche.

„Geh, wo bleiben’s denn?“, schreit sie.
„Bin gleich da“, rufe ich zurück und stelle den Tee auf das Tablett neben den Teller mit der trockenen Semmel. Als ich damit vor ihr stehe, schaut sie mich an, lächelt und sagt überrascht: „Oh, schönen guten Tag, wie kommen sie denn hier rein?“

.

.

.

.

.

.

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “spröde..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s